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Sehr geehrte Damen und Herren,

heute wird wiederum eine Gedenk-Stele an die Öffentlichkeit übergeben. Die Stele erinnert an den „Fliegeberg“ des Flugpioniers Otto Lilienthal, und ich freue mich sehr, Sie dazu hier begrüßen zu können.

Dass ausgerechnet ich heute hier eine Rede halte, entbehrt nicht der Komik. Wegen massiver Flugangst bin ich zwanzig Jahre lang überhaupt nicht geflogen. Alternativ nutzte ich das Auto nach Portugal, das Schiff in die USA und Island, den Bus nach Prag, den Zug nach Sizilien, Riga und London. Weil ich gern den Landweg nach Indien vermeiden wollte, nahm ich schließlich an einem Kurs gegen Flugangst teil und bin seitdem in mehrere Länder geflogen.

In dem Kurs gegen Flugangst begegnete ich natürlich Otto Lilienthal. Der Trainer erklärte uns anschaulich das Prinzip des Fliegens und das Funktionieren heutiger großer Flugzeuge. Dazwischen liegen gar nicht einmal so viele Jahre! Als das Kind Otto Lilienthal die Vögel beobachtete und davon träumte, die Welt von oben zu betrachten und sich vom Wind treiben zu lassen, befand man sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Otto Lilienthal, 1848 in Anklam geboren, war das älteste von acht Kindern des Tuchhändlers Gustav Lilienthal und seiner Frau Caroline. Fünf Kinder starben früh, nur drei überlebten das Kindesalter: Otto, Gustav und Marie. Das Geschäft des Vaters in Anklam geriet nach 1848 in Turbulenzen, auch als Folge des väterlichen Engagements für die 1848er Revolution. Die Familie plante 1861 die Auswanderung in die USA, als der Vater plötzlich nach kurzer Krankheit starb. Caroline Lilienthal musste die Kinder allein aufziehen.

Vor ihrer Ehe hatte sie eine Karriere als Theatersängerin geplant, und nun gab sie Gesangsstunden und vermietete Zimmer, um den beiden Söhnen den Besuch des Gymnasiums zu ermöglichen. Die Tochter Marie wanderte später nach Neuseeland aus, wo sie George Squire heiratete, fünf Kinder zur Welt brachte und 1912 starb. Otto verließ das Gymnasium nach der Obertertia und studierte anschließend in Potsdam Maschinenbau in der Provinzial-Gewerbeschule. Diese Schule lag ihm weitaus mehr als das Gymnasium, nach zwei Jahren machte er dort das bis dahin beste Examen. Danach folgte ein Praktikum in der Maschinenfabrik Schwartzkopff in Berlin.

Otto Lilienthal verfügte nur über ein bescheidenes Stipendium und konnte sich kein eigenes Zimmer leisten. Er war ein Schlafbursche, - das hieß damals so -, er musste sein Bett mit zwei anderen teilen, als er 1867 Student an der Gewerbeakademie in Berlin wurde, einer Vorgängereinrichtung der heutigen Technischen Universität. Nach dem Abschluss leistete er seine Militär-Dienstpflicht bei den Gardefüselieren und nahm an der Belagerung von Paris während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 teil. Hier wurde er Zeuge der 66 Ballonaufstiege aus der belagerten Stadt. Doch sein Ziel blieb das Fliegen „schwerer als Luft“.

Nach dem Krieg fand der junge Ingenieur eine Stelle bei einer Fabrik, die Maschinen für den Bergbau herstellte. Im Zuge der Arbeit lernte er seine Frau Agnes kennen, Tochter eines sächsischen Bergbeamten. Sie hatten vier Kinder. Otto und Agnes Lilienthal interessierten sich sehr für Kunst und Musik. Lilienthal beteiligte sich daher später auch am Ostend-Theater in Berlin, wo er die Idee einer Volksbühne verwirklichen wollte. Sein sozialkritisches Theaterstück „Moderne Raubritter“, das zunächst den Titel „Gewerbeschwindel“ trug, wurde tatsächlich gedruckt und aufgeführt.

Otto Lilienthal war, so kann man wohl mit Recht sagen, ein ungewöhnlich origineller Mensch.

Ab 1881 besaß Otto Lilienthal eine eigene kleine Fabrik, in der Dampfmaschinen hergestellt wurden. Die Patente für 20 Maschinen trugen zum Wohlstand der Familie bei. Er beschäftigte bis zu 60 Arbeiter und gehörte zu den ersten Unternehmern, die eine Gewinnbeteiligung für die Belegschaft einführten.
Nach Lichterfelde zog Otto Lilienthal im Jahr 1886.

Der Traum vom Fliegen beschäftigte Otto Lilienthal bereits seit seiner Jugend.
Als 14jähriger baute er ein Paar zwei Meter lange Flügel aus dünnen Buchenbrettchen, Leinwand und Gänsefedern. „Vom Sprung zum Flug“ begann Lilienthal mit einer zwei Meter hohen Sprungbühne.
1891 begann der Ingenieur mit systematischen Flugversuchen. In Derwitz am Windmühlenberg gelangen ihm die ersten Gleitflüge, bald  flog er sagenhafte 15 Meter weit, 1893 in Stölln bereits 250 Meter. Lilienthal entwickelte aufgrund seiner praktischen Versuche den Flugapparat Nr. 3 mit einer zusätzlichen horizontalen Schwanzflosse zum Stabilisieren. Damit hatte der Flugapparat alle Merkmale der Flugzeuge – bis heute.

1894 ließ Otto Lilienthal hier aus dem Abraum der Ziegelei Heinersdorf den Fliegeberg für seine Flugversuche in Lichterfelde aufschütten. Sein engster Mitarbeiter war sein Bruder, der Architekt Gustav Lilienthal. Otto Lilienthal testete die von ihnen konstruierten Fluggeräte, die mehr oder weniger wie überdimensionierte Vögel aussahen. Störche waren die Vorbilder, Otto Lilienthal hielt mehrere in seinem Garten, um sie genau beobachten zu können. Otto Lilienthal probierte nicht nur die Geräte aus, er verfasste auch eine theoretische Abhandlung – „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“.

Dort heißt es „Ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik. Auf Grund zahlreicher von Otto und Gustav Lilienthal ausgeführter Versuche“. Das Buch ermöglichte anderen, seinem Beispiel zu folgen. Insgesamt entwickelte er 18 verschiedene Fluggleitertypen und unternahm mehr als 2000 Gleitflüge. Ein staunendes Publikum verfolgte seine Flüge. Manchmal auch kopfschüttelnd.

Otto Lilienthal gilt zu Recht als bedeutender Flugpionier, weil er als erster das Prinzip eines Flugkörpers, der schwerer als Luft ist, erfolgreich in die Praxis umsetzte. Die naturwissenschaftlich exakte aerodynamische Erforschung gewölbter Flächen ist flughistorisch eine Pionierleistung.

Tragischerweise stürzte er am 9. August 1896 bei einem Flugversuch in Stölln aus 15-20 Metern Höhe ab, zog sich schwere Verletzungen zu und  starb am Tag darauf in Berlin. So konnte er nicht mehr erleben, dass die US-amerikanischen Brüder Wright 1903 den ersten Motorflug unternahmen. Sie entwickelten ein eigenes Antriebssystem, doch Lilienthals Studien waren auch für sie und die Geschichte der Luftfahrt von Bedeutung.

Die Geschichte des Fliegebergs ging weiter: Seit 1900 befindet sich hier ein Park, 1932 entstand das Lilienthal-Denkmal mit der bronzenen Weltkugel und eingravierten wichtigen Fluglinien.
Die Kugel auf dem Denkmal diente im Zweiten Weltkrieg militärischen Zielen, wurde eingeschmolzen und 1955 durch eine Steinkugel ersetzt, 1990 schließlich die heutige neue Bronzekugel eingebaut. Sie enthält keine Fluglinien mehr – und würde man die aktuellen Fluglinien dort eingravieren, gäbe es wohl kaum einen leeren Fleck auf dieser Welt.

Lilienthals Idee einer friedlichen und weltumspannenden Luftfahrt fand hier ihren Ausdruck – obwohl die Fliegerei bereits im Ersten Weltkrieg mit der militärischen Nutzung ihre Unschuld verloren hatte. Auch diese Zeit blieb Lilienthal erspart.

Vor Vereinnahmung war Lilienthal nicht geschützt. Hermann Göring, einer der führenden Nationalsozialisten und Jagdflieger während des Ersten Weltkrieges, interessierte sich nicht nur für Blut und Boden, sondern auch für die Luftfahrt. Er verfasste das Vorwort für die Otto-Lilienthal-Biografie, die von Gustav Lilienthals Schwiegersohn Gerhard Halle – übrigens einem ausgewiesenen NS-Gegner –, 1936 geschrieben wurde: „Erst wenn wir ganz um die erhabene Größe des fliegerischen Lebenswerkes Otto Lilienthals wissen, können wir wahrhaft mit nationalem Stolz sagen: Der erste Flieger war ein Deutscher!“ Ob Otto Lilienthal dieses Pathos recht gewesen wäre?

Der Zweite Weltkrieg potenzierte die Entwicklung aus dem Ersten Weltkrieg, Städte wie Warschau, London, Coventry, Hamburg, Berlin und Hiroshima wurden von Bomben zerstört, die von Flugzeugen abgeworfen wurden. Japanische Kamikaze-Flieger stürzten sich mit ihren Flugzeugen auf feindliche Ziele. Andererseits brachten Flugzeuge nach dem Krieg während der Luftbrücke überlebenswichtige Dinge nach West-Berlin. Und am 11. September 2001, heute vor neun Jahren, steuerten Terroristen Flugzeuge in das World Trade Center in New York und andere Gebäude. So hat das Fliegen nicht nur ein positives Gesicht.

Kehren wir zu den Anfängen und Otto Lilienthals poetischen Worten über das Fliegen zurück:

„Alljährlich, wenn der Frühling kommt, und die Luft sich wieder bevölkert mit unzähligen frohen Geschöpfen, wenn die Störche ihren stattlichen Flugapparat, der sie schon viele Tausende von Meilen weit getragen, zusammenfalten, wenn die Schwalben ihren Einzug gehalten und wieder in segelndem Fluge Straße auf und Straße ab mit glattem Flügelschlag an unseren Häusern entlang und an unseren Fenstern vorbei eilen… dann ergreift auch den Menschen eine gewisse Sehnsucht, sich hinaufzuschwingen, und frei wie der Vogel über lachende Gefilde, schattige Wälder und spiegelnde See dahinzugleiten, und die Landschaft so voll und ganz zu genießen, wie es sonst nur der Vogel vermag.“

Wenn Sie Ihre nächste Flugreise am Flughafen Tegel beginnen, denken Sie vielleicht daran, dass der Flughafen den Namen Otto Lilienthal trägt. Und wenn Ihr Düsenflugzeug die Triebwerke startet, die Räder einzieht und schnell 10.000 Meter Flughöhe erreicht, versuchen Sie sich vorzustellen, wie innovativ und mutig Otto Lilienthal war, als er wie ein Vogel fliegen wollte – und dass er Sie ganz sicher unendlich beneiden würde.

Vielen Dank.

11.09.2010, Doris Fürstenberg,
Koordinatorin für Dezentrale Kulturarbeit,
Kulturamt Steglitz-Zehlendorf.


Dois Fürstenberg erinnert mit einer Rede
zur Enthüllung der Informationsstehle
an Otto Lilienthal


Die Informationsstele


Otto Lilienthal. Foto: Lilienthal-Museum


"Störche" von O. Anschütz
Foto: Lilienthal-Museum


Otto Lilienthal als Schauspieler in
Pius Alexander Wolffs: "Preciosa".
Foto: Lilienthal-Museum


Lilienthal (vorn Mitte) im Kreise der
Belegschaft seiner Fabrik.
Foto: Lilienthal-Museum


Flugpause mit Helfer Eulitz und Agnes
Lilienthal und den Söhnen Otto und Fritz.
Foto: Lilienthal-Museum


Lilienthal auf dem Fliegeberg
Foto: Lilienthal-Museum


Fliegeberg 1894
Foto: Lilienthal-Museum


Fabrik Köpenicker Strasse August 1896
Foto: Lilienthal-Museum


Lilienthal-Erinnerungstafel am
Aussichtspavillion 1910
Foto: Archiv Steglitz-Museum


Lilienthal-Denkmal
am Karpfenteich 1932
Foto: Archiv Steglitz-Museum


Lilienthal-Gedenkstätte 1963
Foto: Archiv Steglitz-Museum


Folder zum Downloaden